Werwölfe

D e r  M y t h o s  v o m
L y k a n t r o p h e n

Werwölfe: Wenn der Mensch im Mondenschein zum wilden Tier wird und seinen Liebsten an die Kehle geht...
Sie leben in unseren Geschichten und Märchen, streunen durch unsere Träume, heulen im Kino und auf Video...

Die Metamorphose des
Lykantrophen...

 

Das Wort "Werwolf" stammt aus dem Althochdeutschen, einer Sprache, die vor über 1000 Jahren auf dem heutigen deutschen Gebiet gesprochen wurde. "Wer" meint dabei "Mann", "-wolf" heißt "Wolf", wie heute. Also ist ein Werwolf ein "Mannwolf".

Dies bedeutet folgendes: Werwölfe sind ganz normale Leute, die sich aber in jeder Vollmondnacht sowie in der Nacht vor und nach Vollmond in Wölfe verwandeln. Die betroffenen Menschen ahnen nichts von ihrem Doppelleben. Viele von ihnen wundern sich, am Morgen nach ihren wölfischen Exzessen an irgendeiner Stelle aufzuwachen, von der sie wissen, daß sie eben dort nicht zu Bett gegangen sind. In der Regel schieben sie das auf Schlafwandelei.

Während der Vollmondphase sind Werwölfe reißende Bestien, die wahllos jeden anfallen, der ihnen vor die Klauen kommt. Tötet der Werwolf sein Opfer, ist der Betreffende wirklich tot, daran ändert sich nichts. Wird das Opfer allerdings nur verletzt, wird es ebenfalls mit dem Werwolf-Fluch belegt. Wenn es nicht gelingt, den Werwolf bis zum nächsten Vollmond zu töten, verwandelt sich das Opfer auch zu einem Wolf und muss für immer mit dem Fluch leben. Heilung von diesem Fluch bringt nur der Tod.

Die Vernichtung eines Werwolfs setzt Waffen aus Silber voraus. Die einfachste Möglichkeit ist, den Werwolf mit einem Stilettstich ins Herz zu vernichten. Da aber viele, insbesondere Werwolf-Jäger, einen Nahkampf mit einem Werwolf scheuen, setzen sie Silberkugeln ein, von denen aber zumindest drei direkt treffen müssen, es sei denn, ein Schuss zerfetzt das Herz des Tiers.

Werwolf-Berichte
aus alter Zeit

GILLES GARNIER

Gegen Ende des Herbstes 1573 wurden durch einen Parlamentserlaß die Bauern in der Umgegend von Dole autorisiert, auf Werwölfe Jagd zu machen. Einige Monate später verurteilte das Parlament von Dole den Gilles Garnier, genannt den Eremiten von St. Bonnot zum Feuertode, weil er als Wolf mehrere Kinder getötet habe.

Die einzelnen Angaben sind: Der Angeklagte habe bald nach dem letzten Tage des Festes des heil. Michael unter der Gestalt eines Werwolfes, ungefähr eine Viertelstunde von der Stadt entfernt, in dem Orte Gorge, einem Meinberge zu Chastenoy gehörig, nahe bei dem Gehölze de la Serre ein kleines Mädchen von 10 oder 12 Jahren mit seinen scheinbar in Tatzen verwandelten Händen und seinen Zähnen getötet, habe sie dann bis zu dem Gehölze geschleppt, entkleidet, das Fleisch von ihren Schenkeln und Armen abgenagt und damit nicht zufrieden, auch noch seiner Frau Apollinie in seine Wohnung, die Eremitage von Sr. Bonnot, nahe bei Amenges etwas mitgebracht - er habe acht Tage nach dem Allerheiligenfeste ebenfalls als Werwolf, nahe an der Wiese de ia Pouppe, auf dem Territorium von Athume und Chastenoy ein anderes Mädchen ergriffen und ihr mir seinen Zähnen und Händen fünf Wunden beigebracht, mit der Absicht, sie zu verzehren, woran er indeß durch das Hinzukommen von drei Personen verhindert wurde, was er mehrmals anerkannt und eingestanden hat - er habe vierzehn Tage nach dem Allerheiligenfeste gleichfalls als Wolf, ungefähr eine Meile von Dole zwischen Gredisans und Menote ein anderes männliches Kind von ungefähr zehn Jahren erdrosselt und getötet, wie die vorigen, und von dem Fleische der Schenkel, Beine und des Bauches gegessen, nachdem er noch ein Bein von dem Körper gänzlich losgetrennt - endlich habe er am Freitag vor dem letzten Bartholomäusfeste einen Knaben von 10 bis 13 Jahren unter einem großen Birnbaum nahe bei dem Gehölze des Dorfes Perrouze ergriffen, in das Gehölz geschleppt, erwürgt, um ihn ebenso, wie die andern Kinder zu verzehren, was er auch getan hätte, wenn er nicht durch das Herannahen von Menschen daran verhindert worden wäre. Aber das Kind war schon tot, und der Angeklagte erschien als Mensch und nicht mehr als Wolf. Trotzdem es aber Freitag war, würde er unfehlbar von dem Fleisch gegessen haben, wenn nicht Leute gekommen wären, wie er mehrmals gestanden hat.
Auf Grund der freiwillig wiederholt abgelegten Geständnisse verurteilte ihn der Gerichtshof, zum Richtplatz geschleift und dort lebendig verbrannt zu werden.


Calmeil, Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten. Halle I848

ROULET

Im Jahre 1598 wurde in Angers der Prozeß eines Lykanthropen verhandelt. Man sieht wie ansteckend diese Vorstellungen waren.

Man hatte in der Nähe von Caude an einem wilden abgelegenen Orte den zerfleischten Leichnam eines fünfzehnjährigen Knaben gefunden. Als man hinzukam, flüchteten zwei Wölfe, die noch von dem Körper gefressen hatten. Man verfolgte sie, kam von der Spur ab, fand aber in der Nähe einen seltsam verwilderten Knaben mit langem Haar und Bart und mit blutigen Händen, mit langen Nägeln, wie mit Krallen. Dieser Mensch hieß Roulet. Nach einigen Zeugenaussagen sollte er ebenfalls erst bei der Annäherung von Menschen von dem Leichnam geflüchtet sein. Er war blutarm und erbettelte sich mit seinem Cousin Julien und seinem Bruder Jean seinen Unterhalt in den benachbarten Ortschaften. Als die Tat geschah, war er schon acht Tage von Hause ent- fernt. Im Verhör gab er an, daß er sich auf seiner Reise mit seinen Begleitern in Wölfe umwandle, mit Hilfe einer Salbe, die er von seinen Eltern erhalten habe. Er gestand ein, daa er das Kind überfallen und zuerst durch Ersticken getötet; die beiden andern Wölfe seien seine Verwandten gewesen; er erkannte die Kleider wieder, die er an jenem Tage angehabt, den Leichnam des Kindes, gab die Stelle an, an der die Tat geschehen, erkannte den Vater des Kindes als denjenigen, der auf das Geschrei desselben zuerst zur Hilfe herbeigeeilt.

Roulet zeigte sich im Gefängnis als Idiot. Bei seiner Gefangennehmung war sein Bauch sehr gespannt, aufgetrieben und hart; im Gefängnis trank er an dem Abend einen ganzen Eimer mit Wasser aus und wollte seitdem nichts mehr zu sich nehmen. Seine Eltern waren brave Leute, und es erwies sich, daß sein Bruder und sein Cousin sich an demselben Tage nicht an demselben Orte befunden haben. Es ist wahrscheinlich, daß wirkliche Wölfe jenen Knaben zerrissen haben; hätte ihn Roulet getötet, so begreift man nicht, wie Wölfe so plötzlich auf den Leichnam hätten losstürzen können. Roulet mag sich in der Nähe befunden haben, und um seinen Hunger zu stillen, da er schon acht Tage in den Wäldern umherirrte, mag er, während man die Wölfe verfolgte, sich auf den Leichnam gestürzt haben, wobei er sich mit Blut besudelte. Der Lieutenant criminel verurteilte Roulet zum Tode. Er appellierte jedoch an das Parlament zu Paris, und dieses erkannte: es steckt mehr Tollheit in dem armen Idioten, als Bosheit und Zauberei und befahl, ihn auf zwei Jahre in ein Irrenhaus zu stecken, damit er unterrichtet und zur Erkenntnis Gottes zurückgeführt werde, die er in seiner bittern Armut außer Acht gelassen habe.


Pierre de Lancre, L'incredulite et mescreance du sortilege. Paris 1622

Curiose Erzählung von den
W Ä H R - W Ö L F F E N

Bibliotheca Acta et Scripta Magica. Gründliche Nachrichten, Auszüge und Urtheile von solchen Büchern und Handlungen, welche die Macht des Teufels in leiblichen Dingen betreffen.


Es ist allgemein bekannt, daß unter anderen Stücken der vermeynten Macht der Zauberer und Hexen auch diese seyn solle, daß sie sich in unterschiedliche Thiere verwandeln, oder die Gestalten derselben annehmen können. Und daß insonderheit die Frauen in Katzen, und unterweilen in Hasen, die Männer aber in Wölffe verwandelt werden, welche Wölffe dann Währ- oder Wahr-Wölffe, Franz. Loups Garoux, genennet werden. Die nachfolgende Erzählung darvon enthält unterschiedene Dinge, welche mir sonst nicht bekannt gewesen, insonderheit daß man darauf Achtung gibt, Heerden-weise kan lauffen sehen, da sonsten dergleichen Wölffe in den Hexen-Processen sehr rar sind, und unter hundert Männern, welche als Zauberer verurtheilet worden, kaum 3 oder 4 gefunden worden, die bekennet haben, oder auch nur beschuldiget worden sind, daß sie Währ-Wölffe gewesen seyn.

Es erhellet auch aus folgender Erzählung, daß jemand wider seinen Willen ein Währ-Wolff werden kan. Sie findet sich in der Nord-Schwedischen Hexerey, oder Simia Dei, Gottes Affe (pag. CII.), und lautet also: "Nicht unfüglich lässet sich allhier bey dieser Gelegenheit, (weilen ich ohne dis der teufelischen Verwandelung gedencke,) mit anfügen, das gemeine, ja leyder überhand genommene und eingerissene Landübel, so sich meistens in denen Nordischen Landen und daselbst angräntzenden Fürstenthümern, absonderlich in Cur- und Liefland zuträget, daß sich allda die Hexen und zauberische Unholden in Wölffe verwandeln, bey Nacht-Zeit herum lauffen, die Leute, Vieh und Feld-Früchte jämmerlich beschädigen und großen Schaden verursachen; (dahero sie auch Wahr- oder Gefahr- und von etlichen gar Fahr-Wölffe genennet werden.) des Morgens gegen Tage, (wann man es will beobachten,) siehet man sie häuffig über Feld und nach Haus, ihren Dörfern und Wohnungen zu, wieder anheim lauffen, da sie dann ihre natürliche Menschen-Gestalt wieder annehmen, ihre Gewerb und Verrichtung gleich andern Menschen leisten und üben, essen, trincken, reden und leben wie verständige Menschen zu thun pflegen. Lächerlich und fabelhaft lauter es zwar, und will manchem zu beglauben schwer fallen, wie dann unterschiedliche Autores von dergleichen Wahr- oder Währ- Wölffen nichr das geringste achten oder halten wollen.

Dagegen andere, welche dessen bessere Nachricht haben, es bekräftigen, das Gegentheil, und daß es gewißlich also sey, beweisen,und glaubwürdige Exempel anziehen. Derer aller ich hieher mich zu bedienen, (ausser einem einigen zu gedendren,) unterlasse. Es erzählet mir eine besonders glaubwürdige Person, daß sie nicht nur von solchen Währ-Wölffen gehöret viel, sondern auch um das Jahr 1637 selbsten solche Währ-Wölffe in Menge gesehen, und auch beynahe mit seinem höchsten Schaden, habe kennen lernen.

Solche Begebenheit, und wie man so leichtlich in dergleichen teufelisches Unwesen auch wohl recht unschuldig und unwissend gerathen Könne, berichtet er auf das ausführlichste mit folgenden Umständen. Es begabe sich, daß in der Curländischen Stadt Dublin, er von etlichen Teutschen eines Tages um weyhnachtliche Zeit in einen Krug, (denn so werden allda die gemeine Gast- oder Wirths-Häuser genennet,) geführet wurde, welche ihm als einen Landes-Mann und neuen Ankömmling mit einem Willkommens-Trundc beehren wolten. Es ware aber in solcher Gast-Stube einer Seits besonders ein Tisch von gemeinen Land-Bauren rings umher besetzt, aus denen einer nach geraumen Darinnen-seyn, von dem Tisch aufgestanden, das bey sich stehende Trinck-Geschirr zur Hand genommen, vor der Teutschen Zech-Tisch getreten, und da es sonsten gebräuchlich, daß, wann einer dem andern eines zubringet, man der Land-Sprache nachzusagen pflege: Puß Guntzing! (zu teutsch:) es gilt dir, mein Herr! als habe selbiger Bauer mit besonderm Bücken und Neigen, auch freundlichem Gesichte und geneigten Geberden ihme (der Sprache noch unbekannten) es mit diesen Worten zugebracht: Puß do dac man guntzig! (zu teutsch:) es gilt dir wie mir, mein Herr! Er, ob er zwar nicht wuste, was dieses gesagt wäre, doch leichtlich aus den Geberden abnehmen kunte, daß ihm der Bauer eines zugebracht, wolte ihm auf teutsch den Trunck gesegnen; allein es wurde so balden von seinem an der Seiten sitzenden Lands-Mann ihme die Hand auf das Maul geleget, und so wohl demselbigen als auch allen andern anwesenden Teutschen verbothen, er solte es ihme ja nicht gesegnen, auch sich nicht neigen, als ob ers ihm gesegnete, weil er nicht wüste, was es auf sich habe, darauf sie von dem Tisch aufgesprungen, den Bauern überfallen, erbärmlich geschlagen, und so lange in der Stuben herum gezogen, bis daß sie Blut sahen, alsdann sie ihn mit noch vielem Bedrohen und aller Beschimpffung zum Hause hinaus gestossen.

Nach diesem habe er gefragt, warum sie den guten Kerl so unverschuldet geschlagen hätten, der es doch ihme so freundlich zugebracht habe! Darauf sie zur Antwort gegeben, wann er ihm hätte den Trunck gesegnet, wäre er des Abends für gewiß zu einem Währ-Wolff, jener aber dessen erledigt worden, und solte er es sicher glauben, dann dergleichen Verführung und böse Anführung sey schon vielen der Sprach unkündigen Teutschen widerfahren. Und deswegen hätte er also, bis man Blut von ihm gesehen, auch wider ihren Selbst-Willen, (einig zu seinem Besten,) müssen geschlagen werden. Auch wurden ihme darauf des folgenden Morgens eine Menge solcher nach Haus lauffenden Wölffe gezeiget, welche in diesem vor den natürlichen Wölffen kunten erkennet werden: Weil sie den Schweiff oder Schwantz wie ein gerades Scheid oder Stück Holtz heraus reckten, da hergegen andere natürliche Wölffe denselben unter sich und zwischen den Beinen hencken lassen.

Dieses ist die Nachricht von den Währ-Wölffen in der Nord-Schwedischen Hexerey. Es ist ein so offenbahres Mährgen oder vielmehr schändliche Lügen, daß es keiner Widerlegung bedarff. Der Autor der Erzählung hat sich entweder überhaupt der üblen Gewohnheit derer, so in frembde Länder gereiset haben, bedienet, das ist, Lügen von demselben erzählet, oder er hat sich wenigstens, welches auch die üble Gewohnheit vieler Leute ist, der Leichtgläubigkeit des Autoris bedienet, und demselben, weil ihm durch Erzählung solcher erdichteten Geschichte ein Gefallen geschähe, ein Mährgen aufgebunden. Gesetzet auch, daß die gantze Erzählung wahr wäre, so beweiset doch dieselbe nicht, was der Autor, der sie anführet, damit beweisen will, nemlich daß die Menschen Wölffe werden. Dann dieses hat der Autor der Erzählung nichr bezeugen können, weil er weder gesehen, daß ein Mensch ein Wolff, noch daß ein Wolff ein Mensch worden, sondern solche unvernünfftige Lügen nur hat er in dem Krug von der Sauff-Gesellschafft erzählen hören. Der Krug ist aber gewiß nicht der Ort, oder die darin versammelte Sauff-Gesellschafft die Leute, von welchen solche wichtige Wahrheiten gelernet oder aus deren Discursen bewiesen werden können. Wo die Stadt Dublin in Cur- oder Lief-Land liege, ist mir nicht bekannt.


Aus: Eberhard David Hauber, Bibliotheca Acta et Scripta Magica. Gründliche Nachrichten, Auszüge und Urtheile von solchen Büchern und Handlungen, welche die Macht des Teufels in leiblichen Dingen betreffen. 35 Stücke in drei Bänden, Lemgo 1738-44

 

Der Werwolf von
KLEIN-KRAMS


In der Nähe von Klein-Krams bei Ludwigslust gab es in früheren Zeiten ausgedehnte Waldungen, die so reich an Wild waren, daß die Herzöge oft diese Gegend aufsuchten, um große Treibjagden abzuhalten. Bei diesen Jagden ließ sich fast jedesmal ein Wolf blicken, der aber nie von den Schützen erlegt werden konnte, selbst wenn das Tier in größte Schußnähe kam. Ja, die Jäger mußten es sogar mit ansehen, daß der Wolf vor ihren Augen ein Stück Wild raubte und - was ihnen höchst merkwürdig schien - damit ins Dorf lief.

Nun geschah es einmal, daß ein Ludwigsluster Husar durch das Dorf reiste und hier zufällig das Haus eines Mannes namens Feeg betrat. Bei seinem Eintritt in das Gehöft rannte eine Schar Kinder mit heftigem Geschrei aus dem Haus und stürmte auf den Hof hinaus. Als der Husar die Kinder nach der Ursache ihres tollen Treibens fragte, erzählten sie ihm, daß außer einem kleinen Knaben von der Feegschen Familie niemand zu Hause sei, aber daß der Knabe wie gewöhnlich, wenn niemand von den Seinen anwesend sei, sich in einen Wolf verwandelt, vor dem sie fliehen müßten, weil er sie sonst beißen würde.

Bald darauf erschien auch der gefürchtete Wolf. Sogleich hatte er seine Wolfsgestalt abgelegt. Der Husar wandte sich sofort an das Kind und fragte, was es mit dem Wolfsspiel für eine Bewandtnis habe; der Knabe aber wollte nicht mit der Sprache heraus. Doch der Husar ließ nicht locker, und endlich gelang es ihm auch, den Knaben zum Reden zu bringen.

Nun erzählte der Kleine, seine Großmutter habe einen Riemen, sobald er sich diesen umschnalle, dann sei er augenblicklich ein Wolf. Der Husar verlangte nun von dem Knaben, er möge doch einmal als Werwolf erscheinen. Der Junge weigerte sich anfangs, doch endlich erklärte er sich dazu bereit, wenn der fremde Mann zuvor auf den Heuboden steige, damit er vor dem Wolf sicher sei. Der Husar stimmte zu und zog zur Vorsicht die Leiter, mittels der er auf den Heuboden gestiegen war, mit hinauf.

Kaum war das geschehen, so lief der Knabe in die Stube und kam bald darauf als junger Wolf wieder zum Vorschein, der alle, die sich auf der Diele befanden, vom Hause hinausjagte. Nachdem dann der Wolf in die Stube gelaufen und als Knabe wieder zurückgekommen war, stieg der Husar vom Heuboden herab und ließ sich von dem Jungen den zauberischen Gürtel zeigen, woran er aber nichts Besonderes entdecken konnte.

Der Husar traf bald darauf einen Förster in der Nähe von Kleinkrams, dem er sein Erlebnis im Feegschen Hause mitteilte. Der Förster, der bei den großen Treibjagden immer dabeigewesen war, dachte bei dieser Erzählung sofort an jenen unverwundbaren Wolf. Er meinte nun, den Werwolf erlegen zu können, und sprach darum bei dem nächsten Treiben zu seinen Freunden, während er eine Kugel von Silber in den Lauf seiner Flinte schob: "Heute soll mir der Werwolf nicht entgehen!" Seine Gefährten sahen ihn verwundert an. Er aber erzählte nichts weiter.

Darauf begann das Treiben, und es währte nicht lange, so zeigte sich auch wieder der Wolf. Viele von den Jägern schossen auf ihn, aber er blieb unverletzt. Endlich kam das Raubtier in die Nähe des Försters. Dieser streckte ihn mit eine Schuß zum Boden. Der Wolf stürzte getroffen, alle sahen es, trotzdem sprang er gleich wieder auf und lief mit Windeseile ins Dorf, die Jäger hinter ihm drein. Doch der Werwolf war schneller als sein Verfolger und entschwand ihnen auf dem Feegschen Hof. Als sie das Haus durchsuchten, fanden sie im Bett der Großmutter den Wolf, dessen Schwanz unter der Bettdecke hervorragte. Der Werwolf war niemand anderer gewesen als Feegs Großmutter. Sie hatte in ihrem Schmerz vergessen, den Riemen abzulegen, als sie ins Bett kroch, und hat so ihr Geheimnis verraten.

Seit dieser Zeit hatte die Werwolfsplage in Klein-Krams ihr Ende gefunden.

CHRISTIAN MORGENSTERN

Der Werwolf

 

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!
Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum
Wolf
, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:
"Der
Werwolf",- sprach der gute Mann,
"des
Werwolfs
, Genetiv sodann,
dem
Werwolf
, Dativ, wie man's nennt.
den
Werwolf
,- damit hat's ein End'."
Dem
Werwolf
schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!
Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn,daß er von ihr nichts wußte.
Zwar
Wölfe
gäb's in großer Schar,
doch '
Wer
' gäb's nur im Singular.
Der
Wolf
erhob sich tränenblind-
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben

VERWANDLUNG IM 16. JAHRHUNDERT

Ein historischer Bericht

Den ersten faktischen Bericht enthält das Bekenntnis, das Peter Bourgot, genannt der große Peter und Michael Verdung, vor dem Inquisitionsrichter und dem Prior Bom in Poligni, in der Diözese Besancon, und vor vielen Zeugen im Jahr 1521, als er auf Malefizien angeklagt gewesen, abgelegt; das Johann Wier aus dem Original im Auszuge mitgeteilt. Petrus sagte aus: wie, als vor neunzehn Jahren, zur Zeit des Jahrmarkts in Poligni, der heftigste Platzregen die von ihm gehütete Herde also zerstreut, daß er nicht gewußt, wie er sie wieder zusammenfinden solle, ihm beim Suchen des Viehes drei schwarze Reiter begegnet seien. Der letzte unter diesen habe auf die Frage, was ihn treibe! nachdem er ihm seine Not geklagt, ihn gutes Muts zu sein geheißen, und ihm versprochen: wenn er sich ihm hingebe, wolle er ihm einen Meister schenken, der ihm behilflich sein werde, daß er fortan für seine Herde weder vom Wolf noch einer andern Bestie, oder sonst woher, einigen Schaden zu befahren habe. Zur Bestätigung des Gesagten habe er ihm das Wiederfinden alles jetzt verlorenen Viehes, und darüberhin noch Geld versprochen.

E
r sei die Bedingung eingegangen, und habe nach 4-5 Tagen am selben Orte sich einfinden zu wollen zugesagt. Da das Vieh wirklich sich gefunden, sei er am dritten Tage auch zu seinem Reiter zurückgekehrt, der ihn gefragt, ob er wirklich sich ihm ergeben wolle! Auf die Frage von seiner Seite, wer dann er sei! habe er erwidert: Der Diener des großen Höllenfürsten; aber fürchte dich deswegen nicht! Sie hätten nun miteinander eine Übereinkunft auf Absage des Christenglaubens getroffen; worauf er ihm die linke, schwarze und kalte Hand zum Kusse dargereicht; er aber nun vor ihm niedergeknieet, und habe ihn, der später sich Moyset genannt, und ihm allen Kirchenbesuch untersagt, als Herrn gegrüßt. Dies sei zwei Jahre so hingegangen, aber die Kunst, das Vieh zu behüten, habe man ihm nicht mitgeteilt; bloß habe der Geist, wie es geschienen, seiner sich angenommen, wenn etwa Wölfe zum Vorschein gekommen. Bald darauf der Hut der Herde enthoben, habe er den Moyset vernachlässigt, und etwa 8-9 Jahre lang den Kirchendienst wieder mitgemacht; bis ihn M. Verdung dazu gebracht, das Bündnis auf die Bedingung: daß das versprochene Geld angeschafft werde, zu erneuen. Die Zusammenkunft sei Abends in Chastel Charlon im Walde geschehen, wo viele andere, mit blau brennenden grünen Kerzen in der Hand, sich eingefunden.

E
ines Tages habe Verdung, der auch einen Geist, Guillemin genannt, gehabt, zu ihm geredet: wenn er nur ihm glaube, wolle er ihn dahin bringen, daß er mit beliebiger Geschwindigkeit im Laufe fortkommen könne. Da er das, auf das Versprechen neuer Geldleistungen, sich gefallen lassen, habe dieser ihn, nachdem er sich nackt ausgezogen, mit einer Salbe eingerieben, die er bei sich gehabt; worauf er sogleich geglaubt, er sei in einen wahren Wolf verwandelt. Es habe ihn gegraut, als er die vier Wolfsfüße und sein Wolfshaar geschaut, aber er sei nun im Laufe, schnell wie der Wind, dahin gerissen worden, und das habe nur geschehen können durch Hilfe seines Meisters, der sogleich zur Stelle gewesen bei solchem Fluge, obgleich er ihn nicht eher gesehen, als nachdem er die menschliche Gestalt wieder erlangt. Michael, in gleicher Weise eingesalbt, habe sich mit gleich erwünschter Geschwindigkeit, daß das Auge nicht nachkommen können, fortbewegt. Hätte das so ein oder die andere Stunde hindurch fortgedauert, dann sei, wenn Michael wieder sich und ihn gesalbt, die Menschengestalt schneller, als man hätte denken sollen, zurückgekehrt, die Salbe aber hätten beide von ihren Meistern erhalten. Wenn er nah einem solchen Laufe, kaum sich aufrecht erhaltend, über Ermüdung bei Michael geklagt, dann habe dieser erwidert: dies sei alles nichts, und es werde sich bald von selber geben. Einst aber, als er nah dessen Anleitung sich gesalbt, habe er einen sechs- bis siebenjährigen Knaben mit den Zähnen erfaßt, und umgebracht, da er ihn aber wegen des Lärmens und Geheuls habe verlassen müssen, sei er zu seinen Kleidern zurückgelaufen, wo er durm die andere Kräutersalbe wieder zur menschlichen Gestalt gekommen. Gleiches habe auch Michael vollbracht, und eines Tags in Wolfsgestalt eine Frau getötet, die Erbsen eingetan; der Herr von Chusnee sei aber darüber gekommen, und da sie auch ihn angegriffen, seien sie nicht zum Zwecke gekommen. Sie bekannten gleichfalls beide: wie sie ein vierjähriges Mädchen getötet, und es bis auf den Arm verzehrt; dem Michael habe das Fleisch wohl geschmeckt, ob er gleich wenig gegessen; seinem Magen aber habe es keineswegs behagt. Einem andern Mädchen hatten sie das Blut ausgesogen, und den Hals verzehrt; ein acht- bis neunjähriges Kind habe Peter erwürgt, weil es ihm früher das Almosen versagt, und er habe nach der Tat, sogleich an derselben Stelle, um Gottes Willen das Almosen geheischt. Michael sei, wenn auch bekleidet, in einen Wolf verwandelt worden, Peter aber nur nackt; er wisse auch nicht anzugeben, was aus den Haaren geworden, wenn er die Menschengestalt wiedererlangt.

E
r habe sich auch mit Wölfinnen, und zwar mit großer Lust, belaufen; bisweilen auch sei die Verwandlungszeit über Wunsch und Erwarten schnell vorbeigegangen. Sie fügten hinzu: auch ein wie aschgraues Pulver sei ihnen gegeben worden, damit sie den linken Arm und die Hand gerieben, wovon jedes Tier, das sie damit berührt, zu Grunde gegangen.

D
er zweite Fall hat sich noch klarer und bestimmter herausgestellt. Im Jahre 1603 wurde vor dem Parlamente von Bordeaux, unter dem Vorsitze des ersten Präsidenten Daffis, eines damals seiner Einsicht und Tüchtigkeit wegen durch ganz Frankreich berühmten Juristen, der Prozeß eines solchen Wolfsmenschen, aus der Roche Chalais, im Lande Guienne, instruiert, und die Akten dieses wohl geführten Prozesses hat de Lancre in seinem Buche ausgezogen, aus welchem Auszug die folgenden Umstände als wesentlich sich herausstellen. Der ordentliche Richter hatte an Ort und Stelle, im Dorfe Paulot, die erste Instruktion gemacht, auf das Gerücht hin: Wie dort am hellen Tage ein Wolf ein junges Mädchen, Margarethe Poirier, angefallen, und wie ein junger Mensch von 13-14 Jahren, Jean Grenier, bedienstet bei Peter Combaut, sich gerühmt: daß er es gewesen, der sie in Wolfsgestalt angegriffen, und sie verzehrt haben würde, wenn sie ihn nicht mit einem Stocke abgetrieben. Die Angegriffene war von dreien Zeugen die Zweitverhörte, und hatte gewöhnlich mit Grenier das Vieh gehütet. Dabei nun hatte er ihr zum öftern erzählt: wie er, nach Belieben sich in einen Wolf verwandelnd, schon mehrere Hunde und zwei Kinder zerrissen, das Hundefleisch sei aber nicht so gut zu essen, wie das der Kinder. Eines Tages nun, wie sie wieder bei der Herde gewesen, habe sich ein wildes Tier über sie hergeworfen, sie bei ihrem Gewande an der rechten Hüfte fassend, und es zerreißend, worauf sie mit ihrem Stecken auf dasselbe zugeschlagen. Das Tier aber habe darauf 10-12 Schritte sich von ihr entfernt, und wie ein Hund sich auf die Hinterfüße setzend, sie mit einem wütenden Blicke angesehen; also daß sie voller Schrecken davon gelaufen. Das Tier sei dicker und kleiner als ein Wolf gewesen, habe auch einen kleineren Kopf gehabt, dabei braunes Haar und einen kleinen Schweif. Die dritte Zeugin, Jeanne Gaboriant, 18 Jahre alt, berichtete über manche Reden, die er geführt. Auf die Frage, warum er jetzt so schwarz sei, habe er erwidert: das komme von der Wolfshaut, die ihm Pierre Labourant, der an einer mächtigen Kette liege, gegeben, und ihm dabei gesagt: wenn er sie annehme, könne er sich in einen Wolf oder jedes andere Tier umwandeln. Das habe er dann auch vielmal getan, und sei jedesmal beim abnehmenden Monde, Montags, Freitags und Samstags, aber nur eine Stunde des Tages, gegen Abend oder Morgen gelaufen, ihrer aber seien neune, von denen er einige nannte, die miteinander liefen.

D
as schien hinreichend, den Angeschuldigten in Haft zu bringen, und in ihr vernommen, gestand er freiwillig mehr als die Zeugen ausgesagt. Er sei der Sohn des Tagewerkers Peter Grenier, den er vor drei Monaten verlassen, weil er ihn hart geschlagen, wo er dann in der Gegend von Courtras teils auf den Bettel umhergeirrt, teils im Dienste verschiedener Herren gestanden. Einst habe ihn ein junger Mensch, Peter vom Hause Tilhaire genannt, auf der Straße gefunden, und ihm gesagt: im Walde von St. Anton wohne ein Herr, der sie zu sprechen verlange. Da er mit ihm hingegangen, hatten sie ihn schwarz gekleidet, auf schwarzem Rosse gefunden, und da sie ihn gegrüßt, sei er abgestiegen, und habe sie mit einem sehr kalten Munde geküßt, ihnen dann geboten, sich jedesmal einzufinden, wenn er nach ihnen verlange, und sei dann davon geritten. Das sei vor drei Jahren geschehen, als er 10-11 Jahre alt gewesen, und sie hätten ihn darauf noch dreimal gesehen. Er habe sie sein Pferd putzen lassen, ihnen Geld versprochen, und ein Glas Wein gereicht, wo sie dann wieder ihrer Wege gegangen. Zuvor seien sie aber von ihm mit einer Art Spieß, den er geführt, unter den Hinterbacken bezeihnet worden, wo sich auch wirklich an ihm ein kleines, rundes, unempfindliches Zeichen, in Form eines Siegels, fand. Er bestätigte die Aussage der Margarethe Poirier als vollkommen der Wahrheit gemäß, und gestand: wie er bei den Dörfern de la Doubla einst in ein Haus gegangen, und ein Kind in der Wiege, das er allein gefunden, hinter eine Palisade im Garten getragen, so viel als ihm beliebt, davon gefressen, und den Rest einem Wolfe gelassen, der nahebei gewesen. So nannte er noch mehr andere, mit denen er eben so verfahren, ihnen jedoch die Kleider nicht zerreißend, wie die Wölfe tun, sondern sie abziehend. Er laufe bei abnehmendem Monde, 1-2 Stunden am Tage, und bisweilen in der Nacht, aber auch an Kirchenfesten, am Tage vor Pfingsten, in der Fasten, und besonders in der heiligen Woche. Der Herr vom Walde gebe ihm dann jedesmal, wenn er ihn laufen lassen wolle, die Wolfshaut und die Salbe, die er beide bei sich bewahre, und er nehme sogleich die eine um, und salbe sich mit der andern nackt. Peter de la Tilhaire besitze gleichfalls eine solche, und sie seien viermal miteinander gelaufen, ohne jedoch jemand miteinander zu töten. Sein Vater, gleichfalls ein Läufer, habe ihn mehrmals auf den Lauf mitgenommen, und sie hätten einmal miteinander ein Mädchen bei Grillaut getötet und gefressen. Nach dem Laufen finde er sich sehr ermüdet, und Hände und Füße blutig von Dornen und Disteln zerrissen. Der Nagel seines linken Daumens war dick, und lang und klauenartig; er habe ihn auf Befehl des Herrn vom Walde also wachsen lassen müssen. Dieser lasse ihn nicht aus dem Gesicht, so lange er die Wolfsgestalt habe; so wie er, der Angeklagte, ihn aber aus den Augen verliere, komme er wieder zur Menschengestalt.

M
an übergab ihn nun zweien Ärzten zur Untersuchung, und die befanden ihn im Geiste stumpf, beschränkt und unwissend; dabei von einem schwarzgalligten und melancholischen Temperamente; erklärten jedoch: daß er nach ihrer Meinung keineswegs an der Wolfskrankheit leide. Zugleich hatte man auch die Väter, der vom Angeklagten als gefressen angegebenen Kinder, geladen, und mit ihm konfrontiert, und es ergab sich: daß sie mit seinen Depositionen in Bezug auf Zeit und Ort, die Form des Werwolfes, die Wunden, die Hilfe, die die Angehörigen geleistet, die Waffen oder Stöcke, die sie dabei geführt, die Worte, mit denen sie den Wolf angeschrieen, bis zu den geringsten Einzelnheiten übereinstimmten. Einmal hatte er aus dreien Kindern das zarteste und fetteste ausgewählt, und dabei angeführt: wie der Bruder des Vaters der drei Kinder ihn davon bewaffnet abgewehrt, und als er geflohen, ihm nachgerufen: je t'arroutteray bien. Die Kinder wurden dem Richter vorgestellt, das angegriffene und verwundete war wirklich das wohlbeleibteste unter den dreien; und Jean Roullier, ihr Vater, sagte aus: wie der Bruder jener Worte wirklich sich bedient. Man ging noch weiter, und ließ ihn durch alle Dörfer und Häuser führen, wo er nach seiner Aussage durchgelaufen; und wie er in einem derselben den Mann gefunden, der jene Worte ausgesprochen, erkannte er ihn sogleich unter vielen andern, und faßte ihn beim Arm. Auch Marg. Poirier wurde herbeigebracht; er erkannte sie sogleich unter vier bis fünf Mädchen heraus, und sie ihn hinwiederum, und zeigte den Justizbeamten und ihm die noch nicht ganz geheilten Wunden an Mund und Kinn. Auch sein Vater wurde gehört und mit ihm konfrontiert; der Sohn schwankte etwas in seinen Angaben, als er ihn sah, und man überzeugte sich, daß Elend und Gefängnis ihn stumpf gemacht. Aber nach einigem Ausruhen bestand er auf seiner früheren Aussage gegen ihn, die auch darauf ging: seine Mutter habe sich von ihm getrennt, weil sie ihn einst Füße von Hunden und Kinderhände hätte ausbrechen sehen. Die Entscheidung des Parlamentes war so weise, wie die Führung des ganzen Prozesses musterhaft. Der Hof urteilte: man dürfe den Knaben, den der Dämon gegen andere Kinder bewaffnet, nicht verloren geben; um so mehr, da er nach dem Berichre der Geistlichen, die sich seiner angenommen, schon sein Verbrechen zu verabscheuen angefangen, was in vielen Tränen sich zu erkennen und die Hoffnung gebe, ihn Gott und einer besseren Lebensweise wieder zu gewinnen. Erwägend jedoch, daß er den Augen der Bewohner der Dörfer, wo er seine Verbrechen ausgeübt, entzogen, und in eine Lage gebracht werden müsse: daß man einerseits eine so verwahrloste, der Gottesfurmt entfremdete Natur, nicht länger zu fürchten habe; andererseits aber sich in Stand gesetzt finde, sie wieder auf bessere Wege zu bringen, hat der Rat den Jean Grenier verurteilt: auf Lebenszeit in ein Kloster der Stadt eingesperrt zu werden, um demselben alle die Zeit dienstbar zu sein; dabei unter Todesstrafe ihm verbietend, je sich von diesem Einsperrungsorte zu entfernen. Sein Vater und Peter, genannt Tilhaire, wurden weiterer Untersuchung aufbehalten, nach Monatsfrist jedoch entlassen.

D
ort in seinem Kloster besuchte ihn nun später 1610 de Lancre, und erfuhr von ihm noch manhes Bedeutende. Er war damals ein junger Mensch, 20-21 Jahre alt, von mittlerer Größe, eher klein für sein Alter; hatte wilde, kleine, tiefliegende, schwarze, wirre Augen, deren Haltung zeigte, daß er sich seines früheren Zustandes, von dem er einige Kenntnis hatte, schämte, und niemand ins Gesicht zu schauen wagte. Er hatte sehr lange, helle, mehr als gewöhnlich breite, etwas geschwärzte, und durch das Herumbeißen mit den Tieren beschädigte und abgenutzte Zähne. Seine Nägel waren lang, und einige schwarz von der Wurzel bis zum Ende, darunter auch der Daumennagel, den der Waldherr ihm zu beschneiden verboten; und diese also geschwärzten waren dabei auch wie halb abgeschliffen, und sonst noch außergewöhnlich, weil er der Hände nach Art der Füße sich bedient. Er war einigermaßen stumpfsinnig, doch nicht so, daß er darum sinnlos gewesen wäre, und nicht schnell ausgeführt hätte, was die guten Carmeliten, die sich seiner mit Liebe angenommen, ihm befahlen. Er zeigte nur wenig Geist, und kam schwer zu Stande mit Dingen, die nur bloß gesunden Menschenverstand forderten; wie einer, der immer bei den Herden zugebracht, und nichts von der Welt gesehen. Er machte kein Geheimnis daraus, daß er ein Werwolf gewesen, und daß er auf Befehl des Waldherrn über Land gelaufen, und meinte nur, das sei ihm nicht schimpflich, da er aufgehört habe, ein solcher zu sein. Er gestand aber auch dabei ohne Hehl, daß er noch immer eine große Lust in sich spüre, das Fleisch von Kindern zu essen; besonders sei das von jungen Mädchen ein Leckerbissen. Auf die Frage: ob er dergleichen wohl noch esse, wenn er dürfe! sagte er aufrichtig: Ja! Auch erzählten die Geistlichen, wie sie ihn, im Beginne seines Aufenthaltes im Kloster, bisweilen die ausgenommenen Eingeweide der Fische verstohlen hätten verzehren sehen. Er hatte auch damals eine wundersame Fertigkeit, auf allen Vieren zu gehen, und gleich den Tieren über Gräben zu springen. De Lancre erinnerte sich dabei eines andern Knaben von Saint Pa, der so schnell wie ein fliehender Hund gelaufen; sich dabei so geschwind zu kehren wußte, daß man es kaum bemerkte, und wie ein Windspiel über die Gräben sprang. Grenier versicherte ihm auch: wie er eine Wolfshaut gehabt, die der Herr ihm im Walde von Droilha, im Marquisat von Fronsac, gegeben, und die er auf dem Dache einer Scheune in seinem Ort verborgen; doch habe er sie ihm nicht allemal gebracht, wenn er ihn habe laufen lassen. Sein Vater habe gleichfalls ihrer sich bedient, und er äußerte deswegen, und weil er ihn so übel hatte aufwachsen lassen, große Abneigung gegen denselben; wollte ihn auch niemals sehen, ob er gleim mehrmal zum Kloster kam. Dagegen hatte er ein ganz besonderes Wohlgefallen, Wölfe zu sehen, und diese Zuneigung mochte wohl gegenseitig sein, da er in seinen Verhören öfters ausgesagt: wie er immer den größeren Teil der Beute mitlaufenden Wölfen überlassen. Seinen Herrn vom Walde verabscheute und verwünschte er übrigens zu der Zeit, und sagte von demselben: Wie er ihn im Anfange seines Aufenthalts im Kloster noch zweimal besucht, was ihm großen Schrecken eingejagt. Er habe ihm viel Geld versprochen, wenn er ihm wieder dienen wolle; doch sei er bald wieder abgezogen, weil er zum öftern das Kreuzeszeichen gegen ihn gemacht; was er auch jetzt noch öfters tue, damit er nicht wiederkehre. Er starb übrigens noch in demselben Jahre 1610, anfangs November, christlich unter der Obsorge der Klostergeistlichen.

E
s sind hier zwei von Jugend auf verwahrloste, und im Hirtenleben vollends verwilderte Naturen, die zu Werwölfen geworden. Im einen, und wahrscheinlich auch im andern, liegt schon die Wolfsnatur verborgen; das shcwarzgallige, zur Grausamkeit neigende Temperament, die bis zum Stumpfsinn gehende Beschränkung aller höheren Geisteskräfte, das wilde Auge, die Lust am Menschenfleische, die Sympathie mit den Wölfen, und die Fertigkeit, auf allen Vieren zu gehen, deuten entschieden auf die Vorherrschaft einer wildreißenden, animalischen Anlage hin, die nur eines geringen Anstoßes von Außen bedurfte, um in den Werwolf umzuschlagen. Dieser Anstoß kam aber, und darin haben die Arzte im zweiten Falle keineswegs geirrt, nicht aus der Natur, sondern aus dem Willen; denn es ist der Herr vom Walde, der den Zustand zuerst herbeigeführt. Er ist aus der Huldigung, die in ihm dem Dämon geleistet worden, hervorgegangen, und der Huldigende wird durch den Kuß, der im ersten Falle von ihm gegeben, im andern empfangen wird, ihm in Dienstbarkeit zugewandt, und dem zum Symbol mit dem Mal bezeichnet. Der Dämon steht nun, als Objekt seines tierischen Sehens, mit Notwendigkeit in seinem Gesichtskreis, und zwar in der Form des schwarzen Gebieters, der seine Herde von Werwölfen in das Land entsendet, und den der eine unverwandt so lange bei sich sieht, als er im Zustande sich befindet, während der andere ihn wiederfindet, wenn er die vorige Gestalt wieder angenommen. Wie in solcher Weise im Sinnenrapport, so ist der Werwolf nun auch als Knecht des Waldherrn, der sein Roß ihm striegelt, auch im Willen dem seinigen unterwürfig und gebunden, und er treibt ihn hinaus zu Mord, Verderben und Kinderfraß. Aber Leben und Leben sind auch in dem kalten Kuß zueinander in Rapport gesetzt, und es ist dadurch dem Waldherrn möglich geworden, die Wolfsnatur im Diener zu jeder beliebigen Zeit aufzuregen, daß sie gegen die Menschennatur aufsteht, und sie während der Dauer des Zustandes niederhält. Es ist also ein dämonischer, mit Vorbedacht hervorgerufener Verkehr der sich hier zwischen beiden eröffnet hat; ohne darum die gleichzeitig mit eintretende Krankhaftigkeit, in der dieser Zustand physisch und vital allerdings wurzelt, auszuschließen. Diese Doppelartigkeit der Affektion zeigt sich eben daran, daß während das Laufen einerseits, als lunatische Krankheit, im abnehmenden Mond geschieht, und an die Tageszeir sich bindet, es andererseits, in seiner dämonischen Natur, gegen das Kirchliche gerichtet, auch am Vorabend der Feste und an diesen selbst geschieht. Auch die Salbung in ihrer Wirkung, einerseits durch die Kräfte der in sie eingehenden Stoffe, andererseits durch den Willensentschluß bedingt, zeigt solche Doppelnatur, und verknüpft daher die Krankheit mit der Bosheit. Die Salbe ist zweiartig: der Gebrauch der einen entkettet die Wolfsnatur mit allen ihren Trieben, und der Gesalbte erscheint sich selbst in Wolfsgestalt, der Lauf beginnt mit wilder Gewalt, andere Wölfe, vom Instinkt getrieben, gesellen dem Laufenden sich bei, und teilen sich mit ihm in die Beute. Die andere bindet wieder das losgekettete Tier, und der wiederhergestellte Mensch findet sich matt und müde, mit blutigen Extremitäten wieder. Die GemeinschaR mit dem Waldherrn, und der Gebrauch der Salbe ist aber eine traditionelle Sache.
Es besteht schon eine Genossenschaft, in die der Neuling sich aufgenommen findet, ein früher ihr Angehöriger führt ihn in dieselbe ein, ein solcher, in dem der Zustand schon habituell geworden und der daher der Salbe kaum bedarf. Sie würgen aber auch diese Werwölfe, und da entsteht die Frage: ob bloß im Gesichte, oder in der Wirklichkeit? Im ersten Falle ist die Coinzidenz ihres Laufens mit den Erwürgungen gerichtlich nicht ausgemittelt worden; im zweiten aber ist es mit Sorgfalt geschehen, und das Resultat spricht entscheidend für dies Zusammentreffen, das zu oft wiedergekehrt, als daß man es dem Zufalle zuschreiben könnte. Grenier lief also wirklich, nicht bloß in der Einbildung, das bewiesen die schwarzen, klauenartigen Nägel, die abgeschliffenen Zähne, der Appetit nach Menschenfleisch noch sieben Jahre hernach, als er längst zu laufen aufgehört. Er fiel auch wirklich die bezeichneten Kinder in Wolfsgestalt an, dafür zeugen die Aussagen der Angegriffenen, und mehr noch derjenigen, die herzugekommen, und von denen man voraussetzen muß, daß sie einen Wolf von einem Menschen zu unterscheiden wußten. Die andere Frage wird also sein: wie die unleugbare Sache zu erklären? und da möchte das mit dem Fernsehen verbundene Fernwirken sich als die zunächstliegende Erklärung bieten, eine Erklärung, die indessen durch die Akten weder gerechtfertigt noch auch abgewiesen wird. Um sie nämlich tatsächlich zu begründen, müßte eine Beobachtung vorliegen: wo man ihn in den Zustand eintreten, und fortdauernd als Mensch zur Stelle bleibend, zugleich aber anderwärts als Werwolf gesehen, eine solche Erfahrung ist aber hier in keiner Weise gegeben. Es wird also sicherer sein, vor der Hand die Wolfshaut, von der er beständig bis zuletzt geredet, ob sie sich gleich nicht vorgefunden, als dabei mitwirkend anzunehmen. Er war als Jüngling kleiner Statur, als Knabe in seiner Verkümmerung wahrscheinlich noch zwerghafter, und bei seinem Geschick, auf Vieren zu laufen, mochte eine umgenommene Wolfshaut ihm leicht das Ansehen eines Wolfes geben; um so mehr, da die Wut des Anfalls und der Schrecken der Angefallenen allzu scharf zuzuschauen nicht erlaubten. Die Art dieses Anfalls, minder mit den Tatzen als mit den Zähnen, und das Ausziehen der Kleider, die abfielen, ohne daß die Entkleideten wußten, wie ihnen geschah, verleugnen nicht den Menschen, der seiner Hände sich bedient. Es kommen auch wirklich im Prozesse eines andern Werwolfs Zeugenaussagen vor, daß man Hände und Füße, nach Menschenart, an ihm zu erkennen geglaubt. Der äußeren Form entsprechend war dann die innen in Wut aufgeregte Wolfsnatur, und es war der Dämon, der dieser ekstatischen Wütenden, als seines Werkzeugs zum Böseswirken, sich bediente. So führt das Hinnehmen der Tatsachen und das scharfe Zusehen hier wie überall auf die Spur der rechten Wahrheit; während das unbedingte Verneinen sich selbst um sie betrügt, die allzugroße Leichtgläubigkeit aber nur eine durch Irrtum verfälschte gewinnt.

E
s liegen indessen auch andere Beispiele vor, worin das Wolfslaufen wieder mit der Sabbatsvision zusammenfällt. Ein wolfssüchtiges Weib salbt sich mit ihrer Salbe Kopf, Hals, Achseln und andere Glieder, in Anwesenheit des Magistrates ihres Ortes, der ihr das Leben zugesagt, wenn sie eine Probe ihrer Kunst vor ihm ablege. Sie fällt nieder, und wird von einem tiefen Schlaf befallen. Nach dreien Stunden erwacht sie gäh ling wieder, steht auf, und befragt: wo sie gewesen unterdessen! erwidert sie: wie sie, in einen Wolf verwandelt, nahe bei einer etlichen Meilen von da entlegenen Stadt, erst ein Schaf und dann eine Kuh zerrissen. Man hält nun Nachfrage an diesem Orte, und vernimmt: daß ein solcher Schade wirklich unter der dortigen Herde geschehen. (1) Lerchheimer seinerseits erzählt: Ich bin einmal mit einem Kirchendiener, meinem guten Freunde, in eines Landvogts Haus gegangen, der einen Werwolf, wie man solche Leute nennt, gefangen hielt. Den ließ er für uns kommen, daß wir Gespräch mit ihm hielten, und uns erkundigten, was es doch für ein Handel mit den Leuten wäre. Der Mensch gebärdete sich wie ein Unsinniger, lachte, hüpfte, als wenn er nicht aus einem Turme, sondern von einem Wohlleben käme. Bekannte neben vielem andern teufelischen Betrug und Gespenst: daß er am Ostertag nachts daheim bei seinem Gesind wär gewesen in Wolfsgestalt; welches Ort mehr dann zwanzig Meil von dannen war, und ein Fluß dazwischen, zweimal so breit als der Rhein für Köln. Wir fragten: Wie kamst du über's Wasser? Ich flog darüber. Wie kamst du aus dem Gefängnis? Ich zog die Füße aus dem Stocke, und flog zum Fenster hinaus. Was tatest du bei den Deinen! Ich ging umher und besah, wie sie lagen und schliefen. Warum kehrtest du wieder ins Gefängnis? Ich mußt wohl, mein Meister wollt es so haben. Rühmte darauf seinen Meister sehr. Da wir ihm sagten: das wäre ein böser Meister, sprach er: Könnt ihr mir einen besseren geben, den will ich annehmen. Er wußt von Gott so viel als ein Wolf. Es war ein erbärmliches Ding, den Menschen anzusehen und zu hören. Wir baten und erhieltens, daß er los ward, sonst hätte er müssen brennen. Gott bessere solche Gerichte (2).

S
o ist es um diese Verzerrung der menschlichen Natur beschaffen, die in den angeführten Beispielen schon abscheulich genug, den Gipfel der Scheußlichkeit in jenem Peter Stumpf erreicht, der gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts in Bibburg, in der kölnischen Diözese, hingerichtet wurde. Er hatte nach den Akten mehr als sechzehn Jahre mit einer Succube zugehalten, und von ihr einen breiten Gürtel zum Geschenk erhalten, der, wenn er ihn anlegte, die Wirkung hatte, daß er sich und andern ein Wolf zu sein schien. In dieser Gestalt hatte er nacheinander fünfzehn Knaben erwürgt, und ihr Gehirn gefressen, auch zwei seiner Schwiegertöchter wurden von ihm angefallen, um sie zu seinem Fraß zu machen, während er seine eigene Stiefmutter und Tochter als Beischläferinnen sich beigelegt (3).
Wir haben eben gesehen, und Boguet bestätigt es: wie auch Beispiele von Frauen vorgekommen, die als Wölfinnen gelaufen; indessen begreift sich leicht, daß die Anlage im furchtsameren Geshlechte keineswegs nach dieser Seite hinüberneigt, und daß es daher lieber seiner Natur angemessenere Tiertypen zu seiner Metamorphose wählt. Da bietet sich denn zunächst die Katze, dies scheue, zaghafte, tückische Geschlecht, das mit glühendem Auge die Nacht durchschleichend, von Zeit zu Zeit mit seinem hexenhaften Gesange sie durchheult, der Einbildungskraft dar, und so dürfen wir uns denn nicht verwundern, wenn wir dieser Tierform so häufig im Hexenwesen begegnen. So bekennen bei Remy (4) viele der wegen Zauberei Verhafteten einhellig: daß, wenn sie mehrere Jahre dem Dämon treulich gedient, er ihnen die Gewalt gebe, in Gestalt von Katzen oder auch von Mäusen, Heuschrecken u.s.w. durch enge Löcher in eines andern Haus zu schlüpfen. Dort angekommen, nähmen sie dann ihre Gestalt wieder an, und führten nun aus, was sie sich vorgenommen; wozu auch Totschläge gehören, hier aber an Erwachsenen durh Gift geübt, und nur an Kindern durch offene Gewalt, wie denn Barbelina Ragel gestand, in Katzengestalt ein Kind, es zwischen den Pfoten fassend, getötet zu haben.

Es kann, die Wahrheit der Tatsache vorausgesetzt, von einer wirklichen Umbildung der Leiblichkeit so wenig hier, wie bei den Werwölfen die Rede sein, die Katzennatur, die im Leben herrschend geworden, herrscht auch in den Sinnen und im Selbstgefühl, daß sie sich als Katzen schauen, und dem gemäß auch als Katzen wirken, aber schauend wie wirkend, weil nach der negativen Seite hin gesteigert, in die Ferne des Raumes übergreifen, oder auch die Tat nur in der Intention vollführen. So sind es, nach Verschiedenheit des Bedürfnisses, auch andere Tierformen, in die sich der dämonisierte und darum innerlich deprimierte Mensch versetzt: eine Art von Seelenwanderung, in der das degradierte Selbstbewußtsein, nach und nach absteigend, alle Momente der tierischen Schöpfung durchwandert, die der Mensch, als Herr dieser Schöpfung, gebunden und verborgen in sich beschließt, und die alle umeinander, wenn er, statt sie zu beherrschen, sich von ihnen beherrschen Iäßt, in ihm erwachen, und dann ihn in ihre Art umbildend, das Regiment in ihm führen. Der Mensch kann also, niedersteigend im Geiste, zu verschiedenen Zeiten alle diese verschiedenen Tierlarven durchwandern. Das Leibliche wird freilich dabei in seiner stehenden Gewalt beharren, aber es wird, von dem der Larve eigentümlichen tierischen Trieb bemeistert und getrieben, eben darum auch die herrschende Physionomie derselben in sich ausprägen. Ein Mensch, der auf solche Weise proteusartig durch alle diese Formen durchgelaufen, und sie mimisch ausgedrückt, hat in ihnen dann seine in Einheit nach Unten gebundene Persönlichkeit entbunden, daß sie in ihre Elemente auseinandergefallen, und so ist er selbst zu einer Art von Tiersabbat geworden, in die Zeit ausgebreitet, in dem alle diese Gestalten, in der Einheit der Persönlichkeit fortdauernd zusammengehalten, sich sukzessiv aneinanderdrängen, und seinen Namen in Tierhieroglyphen aussprechen. Diese visionäre Metamorphose bleibt nun ihrem Wesen nach im innerlichen Lebenskreise beschlossen, weil keine reale Metempsychose, durch alle Tierleiber hindurch, für den Menschen besteht.

Quellenangaben aus dem Originaltext:

(1) = Sennertus de morb. occultis pass. 9 c. 5

(2) = Christlich Bedenken und Erinnerung von Zauberei von A. Lercheimer von Steinfelden. Straßburg 1586, p. 120

(3) = Der Bericht, aus den Akten gezogen und mit Bildern erläutert, wurde damals als fliegendes Blatt in allgemeinen Umlauf gesetzt. Delrigo Disquis. magic. L. II. XVIII. p. 182, Werwölfe wurden sonst noch gerichtet in Konstanz zur Zeit Kaisers Siegmunds, Orleans 1583, beim Parlament von Rennes 1598, Grenoble 1603 und an andern Orten. Gilles Garnier von Lyon, gerichtet 1673 in Dôle, hatte Kinder erst in Wolfsgestalt, dann auch in der menschlichen angefallen. Bodin, Demonomanie p. 255.

(4) = Daemonolatreiae Libr. tres. p. 214.



Aus: Joseph von Görres, "Die christliche Mystik", Neue Auflage in 5 Bänden, Regensburg, ohne Jahresangabe.

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